Spätrömische Dekadenz

Samstag, 13. Februar 2010
Berichtet von Adimin

Wikipedia    Guido Westerwelle, en 2009.

Wikipedia Guido Westerwelle, Foto: Dirk Vorderstraße http://www.vorderstrasse.de/

Si tacuisses, philosophus mansisses

Auf ein Wort | 12.02.2010 18:20 Uhr | NDR-info

Höchste Zeit, mal wieder vor einer neuen Neid-Debatte zu warnen. Nein, diesmal geht es nicht um Millionen-Boni für unfähige Bankmanager, auch der Schwarzgeld-schleppende Steuerhinterzieher lässt uns kalt. Nein, diesmal packt uns der Neid an einer Stelle, wo wir es am wenigsten erwartet hätten: Bei Hartz vier.

Wenn Sie jetzt bei diesem Begriff an bittere Armut denken, an harten Sparzwang beim Regelsatz von 359 Euro, dann zeigen Sie vor allem eines: dass sie von Geschichte nun wirklich keine Ahnung haben. Es ist nämlich genau diese historische Dimension, mit der uns Guido Westerwelle die Augen dafür öffnet, was Hartz-Vier wirklich bedeutet. “Spätrömische Dekadenz” hat der große Historiker hier erkannt, und damit bekommt der Begriff einen ganz neuen Klang. Ein Hauch von Orgie liegt in der Luft, eine Ahnung von Völlerei, Gelage, Exzess. Und so sehen wir sie vor uns, die Hartz-Vier-Empfänger. Wie sie sich lümmeln auf der Chaise longue, die eben erst vom Recyclinghof gerettet wurde. Unmengen von Hähnchenkeulen, bei Lidl für 2,39 im Angebot, verschwinden in den offenen Mündern, in Strömen fließt der Lambrusco aus den Tetrapacks, bis alle Hemmungen fallen und schnackselnd eine neue Sozialhilfe-Generation gezeugt wird. Alltag bei Hartz vier, wie ihn Guido Westerwelle sieht. Und wenn Aldi zufällig eine Pfauenfeder im Angebot hat, kann alles bald von vorn beginnen.

Zugegeben, einige mag diese Analyse überraschen. Dabei ist der Grundgedanke nicht neu, im Gegenteil: In der politischen Debatte wird er immer wieder gern verwendet, wenn es gilt, in die Schlagzeilen zu kommen. Dass der Arbeitslose als solcher faul und träge ist, wussten wir schon von Roland Koch. Und Altkanzler Schröder geißelte unsere “Mitnahme- Mentalität”: Die Deutschen, ein Volk auf der Jagd nach Staatsknete. Und gern erinnern wir uns an Schröders Vorgänger Kohl. Mit dem Mahnruf vom “Freizeit-Park Deutschland” schreckte uns der Altkanzler aus der sozialen Hängematte auf, in der wird bis dahin mehrheitlich gemütlich geschaukelt hatten.

“Anstrengungsloser Wohlstand” ist der Kern des Problems, das hat Westerwelle erkannt, und zwar in der ganzen historischen Tragweite. Durch Westerwelle wissen wir nämlich endlich auch, warum das römische Reich unterging. Der Gysi war´s, verrät uns der FDP-Vorsitzende, und wenn nicht Gysi selbst, dann doch sein Geist, der sozialistische Geist . Warum ausgerechnet der Sozialismus die dekadente Herrschaftselite Roms korrumpiert hat, wird nicht jedem auf Anhieb klar, aber die liberale Geschichtsschreibung wird auch dafür eine Erklärung haben: Wahrscheinlich war Nero auf Hartz vier.

Festzuhalten bleibt Westerwelles wichtigste Botschaft: Nach dem Zerfall des römischen Reiches droht nun akut der Untergang des Abendlandes, und zwar wegen des “anstrengungslosen Wohlstandes”. Geld für lau: Wer jetzt bei diesem Stichwort doch wieder an den Bonus-kassierenden Bank-Manager oder den steuerhinterziehenden Millionär denkt, liegt natürlich völlig falsch. Um so eine Bank zu ruinieren, muss man schon sehr lange angestrengt wegschauen, was zu erheblichen Verspannungen in der Nackenmuskulatur führen kann. Und auch der Job des Steuerhinterziehers erfordert harten körperlichen Einsatz, allein beim Schleppen des Schwarzgeldes über die Schweizer Grenze. Insofern ist die öffentliche Empörung, die jetzt über Westerwelle hereinbricht, völlig übertrieben, und es zeugt schon von gehöriger spätrömischer Dekadenz, wenn man ihm nachruft: Si tacuisses, philosophus mansisses: Wenn Du doch geschwiegen hättest…..

Quelle: NDR info

5 Antworten to “Spätrömische Dekadenz”

  1. Weiter so machen Leute :D immer schön an der Seite Arbeiten

    #264
  2. niewtor

    Tja, Michael, die wörtliche Rede des Herrn der FDP zu dieser spätrömischen Dekadenz kann nun einmal nur den Reichen zugeordnet werden – z. B. unter anderen einem Herrn Westerwelle selbst.
    Das arme Volk und besonderes das Volk der Sklaven hatten zu solcher Möglichkeit des Überflusses gar keine Möglichkeit zur Dekadenz. In solchen Reihen suchte man, wie man sich überhaupt ernährte.

    Herr Westerwelle hat sich im Ton und in der Sprache eines Herren Clement aus der SPD bedient. Denn so etwas hat sich die CDU einfach noch nie getraut. Und wenn eventuell nur gedacht. Dafür hat sie heute die Häme und nutzt sie parteipolitisch gegen alle, u. a. auch gegen die FDP.

    Morgen kommt das Machtwort der Kanzlerin Merkel: Das dürft ihr aber nicht!

    #48
  3. Um dies alles zu verstehen, muss man zunächst einmal die Entwicklung des römischen Reiches betrachten. Schon zu Beginn des ersten Jahrhunderts nach Christus ernannte Kaiser Caligula ein Pferd in das wichtigste politische Organ Roms, den Senat.

    Gut, hierzulande sitzen im deutschen Equivalent, dem Bundestag, Esel – aber dies ist aufgrund der nahen Verwandschaft der Huftiere ja durchaus vergleichbar.

    #47
  4. niewtor

    Hallo Grufty,

    wie doch richtig bemerkt: “Armes Deutschland”. Nun sagt das Kapital, es werde immer ärmer und gaukelt schwer was vor, nutzt diese populistische Armut, um bis in den Mittelstand hinein sich selbst zu bedienen, sich damit sein privates Vermögen weiter zu erhöhen.

    Und ich glaube bald, der Bundesaußenminister und Vizekanzler hetzt bestimmt gegen seinen eigenen Stand, gegen seine eigene po_litische Brut.

    http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video653820.html

    #44
  5. Grufty

    Hallo, es ist beschämend, was man von den Politikern der FDP hört! da wird von Dekadenz und sonstigem gesprochen aber ist nicht der, der solche Aussagen macht genau dieses? der sich auf dem Rücken der Schwachen austobt?
    Bei Hartz IV heist es fördern und fordern aber zwischenzeitlich hat sich der Spruch geändert.
    Es heißt jetzt fordern und dann vielleicht fördern aber dann nur, wenn er nicht älter als 25 ist! die Politiker sind nicht mal in der Lage auf Fragen der Wähler zu antworten.
    Neunzig % der Hartz IV Empfänger würden gerne arbeiten aber wo gibt es denn Arbeitsplätze? wenn Sie über 60 sind bekommen Sie keinen Job mehr und wenn doch muß der Staat doch wieder helfen um seine Familie zu ernähren! Fordern ja tun die Arbeitgeber aber Sie wollen nichts dafür geben am besten noch was mitbringen und das tut der Deutsche Staat dann und die Arbeitnehmer sind schuld daran.
    Armes Deutschland in dem die schwachen keine Lobby haben die starken mit hunger Löhnen den Staat ausbeuten und das alles unter dem Deckmantel der Globalität

    #43

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