Kasperletheater… eine wahre Geschichte?

Mittwoch, 9. Februar 2011
Berichtet von Adimin
Bei unserem Asmodis habe ich folgendes Theaterstück gefunden. Mit seiner Erlaubnis setze ich das mal hier rein.

(Zufällig bin ich in den Besitz des Drehbuchs für das Theaterstück gelangt, das z. Zt. live in Berlin aufgeführt und wegen seines überwältigenden Erfolges tagtäglich auf’s Neue verlängert wird. Hier mal für alle die, die das noch nicht so richtig mitverfolgen konnten zum Nachlesen.)

Die Besetzung:

- Seppel: Irgendwer, der sein ganzes Leben lang gearbeitet hat und in eine Versicherung gegen Arbeitslosigkeit zwangseinzahlen musste.
- Großmutter: Angela, eine graue Eminenz, von der alles wie von Teflon abperlt.
- Polizist: Die höchste Instanz in Kasperles Welt, wohnt in Karlsruhe.
- Krokodil: Ursel von den Lügen, die sich bei Großmutter einschleimt.
- Räuber: Sigmar, der sich gerne als Erzengel sähe und auf Großmutters Position scharf ist.
- Kasper: Ein Vertreter der Diakonie, früherer Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes, wählt mittlerweile gezwungenermaßen links und wird deswegen nicht mehr ernst genommen.

Die Handlung:

(Erster Aufzug: Großmutter und das Krokodil.)

Krokodil: “Du, Großmutter, der Seppel will mehr Geld haben.”
Großmutter: “Kriegt der nicht. Meins. Meins. Alles meins!”
Krokodil: “Aber der sagt, dass das, was er jetzt bekommt zum Leben nicht reicht und dass er verhungert.”
Großmutter: “Mir egal – mein Geld!”
Krokodil: “Du, Großmutter, der Seppel hat deswegen schon mit dem Kasper und dem Räuber gesprochen.”
Großmutter: “Na, die haben den bestimmt ganz schön abblitzen lassen!”
Krokodil: “Nein, haben die nicht.”
Großmutter: “Wieso?!?”
Krokodil: “Der Räuber hat gesagt, dass der Seppel mehr bekommen muss.”
Großmutter: “Wie bitte? Aber der Kasper, der wird doch wohl vernünftig geblieben sein!”
Krokodil: “Nein, der hat sogar gesagt, dass der Seppel fast das Doppelte kriegen muss!”
Großmutter: “Kommt nicht infrage. Die spinnen, die Seppels!”

(Vorhang.)

(Zweiter Aufzug: Seppel und der Polizist.)

Polizist: “Hallo Seppel, was führt dich zu mir?”
Seppel: “Ich verhungere, Herr Polizist. Ich habe zuwenig Geld zum Leben.”
Polizist: “Ja, gibt dir die Großmutter denn nichts?”
Seppel: “Nein, das ist viel zu wenig. Die rückt nichts raus und macht mit dem Krokodil gemeinsame Sache.”
Polizist: “Hast du den Kasper schon gefragt?”
Seppel: “Der hat gesagt, dass ich mich an dich wenden soll.”
Polizist: “Tja, dann werde ich wohl einschreiten müssen.”
Seppel: “Wie willst du das denn machen?”
Polizist: “Ich weise das Krokodil in seine Schranken und dann wird die Großmutter schon vernünftig werden.”

(Vorhang.)

(Dritter Aufzug: Polizist und das Krokodil.)

Polizist: “Ich komme im Auftrag des Seppels, denn der ist am Verhungern.”
Krokodil: “Oh, das tut mir aber leid – doch was habe ich damit zu tun?”
Polizist: “Du hast doch zusammen mit der Großmutter festgelegt, wieviel Geld dem Seppel zusteht, oder etwa nicht?”
Krokodil: “Doch, äh, ja …”
Polizist: “Und wie hast du das ausgerechnet?”
Krokodil: “Ja, ähhh… Das ist sehr kompliziert …”
Polizist: “Du kannst es mir ja vorrechnen. Ich warte.”
Krokodil: “Ähhh… Das geht jetzt nicht. Ich habe meinen Taschenrechner nämlich gerade nicht dabei.”
Polizist: “Na gut, dann gebe ich dir ein ganzes Jahr Zeit.”
Krokodil: “Und dann?”
Polizist: “Dann will ich eine vernünftige Berechnung sehen – und zwar schriftlich!”
Krokodil: “Ja, ja …”

(Vorhang.)

(Vierter Aufzug: Großmutter und das Krokodil.)

Krokodil: “Du Großmutter, der Polizist will, dass ich ihm vorrechne, wie wir auf den Betrag für Seppel gekommen sind.”
Großmutter: “Ja und – wo ist das Problem?”
Krokodil: “Großmutter, dein Gedächtnis war auch schon mal besser. Das haben wir damals doch einfach bloß so festgelegt.”
Großmutter: “Ich erinnere mich nicht …”
Krokodil: “Ja, das haben wir gemacht, damit für uns beide möglichst viel übrig bleibt, denn du hast gesagt …”
Großmutter: “Was habe ich gesagt?”
Krokodil: “Hauptsache, der Seppel-Dödel gibt mir seine Stimme und dann soll er sehen, wie er zurecht kommt.”
Großmutter: “Ja, kann sein …”
Krokodil: “Und was soll ich jetzt machen?”
Großmutter: “Gar nichts. Vielleicht vergisst der Polizist dich ja wieder. Warte einfach nur ganz lange ab; sitz es aus.”
Krokodil: “Und wenn das nicht funktioniert?”
Großmutter: “Dann strickst du die Berechnung so hin, dass das rauskommt, was der Seppel jetzt erhält.”
Krokodil: “Ja, aber … Mehr kriegt der dann doch auch nicht!”
Großmutter: “Nein – aber wir sind vor dem Polizisten auf der sicheren Seite. Mein Geld!”
Krokodil: “Verstehe. Ein genialer Plan!”

(Vorhang – Pause.)

(Fünfter Aufzug: Räuber, Krokodil und Kasper.)

Kasper: “So geht das nicht. Du musst jetzt schnell handeln, sonst wird der Seppel verhungern.”
Krokodil: “Wie kommst du denn da drauf?”
Räuber: “Das wissen wir vom Polizisten. Der hat uns Bescheid gesagt.”
Kasper: “Deswegen erkläre uns mal, wie du das Geld für den Seppel ausgerechnet hast.”
Krokodil: “Ja, ich habe mir überlegt, was der Seppel zum Leben braucht, wieviel das kostet und das zusammen gerechnet.”
Kasper: “Und wie viel ist dabei rausgekommen?”
Krokodil: “359 Euro.”
Räuber: “Das glaubst du doch selbst nicht!”
Krokodil: “Doch, doch, ich habe das alles Schwarz auf Weiß.”
Kasper: “Du spinnst doch! Der Seppel braucht fast das Doppelte zum Leben!”
Krokodil: “Das Doppelte? Bist du wahnsinnig? Dann müsste Großmutter ja ihre eigenen Reserven angreifen!”
Kasper: “Na und? Die hat schon ganz andere Leute mit sehr viel mehr Geld unterstützt!”
Krokodil: “Nein, das geht nicht. Geht gar nicht!”
Räuber: “So, jetzt mal Klartext. Um wieviel würdest du rauf gehen?”
Krokodil: “Fünf Euro!”
Räuber: “Elf!”
Krokodil: “Nein, Fünf!”
Räuber: “Elf!”
Beide (immer abwechselnd): “Fünf!” “Elf!” “Fünf!” “Elf!” “Fünf!” “Elf!” …
Kasper: (Verlässt kopfschüttelnd den Raum.)

(Vorhang.)

(Sechster Aufzug – Schluss-Szene.)

(Im Vordergrund sieht man Räuber und Krokodil lautstark Feilschen: “Fünf!” “Elf!” “Fünf!” “Elf!” “Fünf!” “Elf!” … Im Hintergrund sitzt die lächelnde Großmutter und reibt sich die Hände. Der Polizist – auch im Hintergrund – schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Seppel wankt geschwächt in Vordergrund und fällt verhungert um. Kasper tritt in den Vordergrund und übergibt sich. Währenddessen feilschen Räuber und Krokodil unbeeindruckt weiter. Ende.)

Link zum ganzen Artikel


Eine Antwort to “Kasperletheater… eine wahre Geschichte?”

  1. Lehrreicher Beitrag. Interessant, wenn man das Thema auch mal aus einem anderen Blickwinkel ansehen kann.

    #561

Hinterlassen Sie einen Kommentar