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Autor Thema: Der Widerstand gegen den Unsozialstaat erlahmt  (Gelesen 5791 mal)
Tom_
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« am: Mai 08, 2013, 09:28:55 »

Die Überschrift mag provokant klingen. Mancher wird sich die Frage stellen, ob eine solche Aussage einfach so möglich ist oder ob man diese nicht eher in Frageform formulieren sollte.

Nein, sie ist nicht als Provokation gedacht und die Frage ist längst beantwortet. Seit einigen Monaten beobachte ich Sozialforen verschiedenster Art und auch andere Hilfeforen. Das Bild ist überall nahezu identisch. Eine kleine Zahl von noch aktiven (die ständig schrumpft) führt den Kampf gegen immer größere und in der Zahl ebenso anwachsende Windmühlenflügel mit unzureichenden "Waffen" und mit kaum vorhandener Unterstützung.

War zu Beginn des Agenda-Wahnsinns noch der Eindruck entstanden der Regierung würde scharfer Wind entgegen blasen, so kann man heute nicht einmal mehr von einem lauen Lüftchen reden. Kein Wunder, dass die Interessen der Betroffenen unseren Regierungsvertretern, aber auch der Opposition bedeutungslos erscheinen im Vergleich zu den Forderungen mächtiger Lobbys.

Gestern Abend bekam ich einen Anruf, der mir einmal mehr deutlich machte, dass die Kämpfe bald enden werden, die Menschen haben aufgegeben, die Menschen geben auf. Mir wurde von jemandem berichtet, der sich nie etwas hatte gefallen lassen und der nun am Ende seiner Kräfte ist. Viele Aktivisten wurden letztlich in mehreren Jahren sturmreif geschossen, weil die Masse der Betroffenen sich unfähig zeigte gemeinsam aktiv zu werden. Wir agierten als Haufen unkoordinierter Einzelkämpfer und Einzelgrüppchen, die jeden kleinen Sieg begeistert feierten, während die Gegenseite die große Schlachten gegen uns eine nach der anderen gewonnen hat und gegen uns zusammen stand.

Was haben wir falsch gemacht? (Was nicht heißen soll, dass wir nicht auch etliches richtig gemacht haben)

Nur ein paar Beispiele, denn es sind viele und nicht alle waren bundesweit die selben. Die Auswahl ist rein subjektiv und nicht wertend, auch nicht in der Reihenfolge.

1.) Der Kampf gegen ALG II, gegen Fehler im SGB XII und andere unsoziale Entwicklungen wurde von Betroffenen nur selten außerhalb des Internet und damit nicht im Blickfeld eines großen Teils der Bevölkerung geführt. In diversen Diskussionen konnte ich lesen oder hören, dass Nichtbetroffene sich wunderten, dass die Zwangsverarmten sich nicht wehren. Sie hatten von unseren virtuellen Grabenkämpfen gar nichts mitbekommen. So bekommt man natürlich von hier keine Unterstützung.

2.) Wer als Betroffener kein Internet hat, der bekommt auch keine Hilfe. Leider in den meisten Städten bittere Realität. Vor zwei Wochen traf ich eine alte Dame beim Einkaufen. Mir fiel auf, dass sie kaum etwas einkaufte, so manches sehnsuchtsvoll ansah und dann traurig wieder ins Regel legte. Ich sprach sie an und erfuhr, dass sie kaum Geld hat, um sich auch nur das Nötigste kaufen zu können. Sie bezieht Grundsicherung für Rentner, was dem Hungerregelsatz des SGB II entspricht. Ihr Gebiß saß locker, entsprechende Korrekturen oder gar ein neues könne sie sich nicht leisten. Beim Reden fiel es ihr mehrfach fast aus dem Mund. Das Sozialamt hatte ihr die Übernahme der Heizkostennachzahlung verweigert, ebenso ein Darlehen für Strom. Sie benutzte den Rollator und war nur sehr schlecht mobil und insgesamt sehr schwach. Haushaltshilfe und andere Hilfen hatte sie nicht. Niemand hatte sie über die Möglichkeiten informiert. Sie kannte ihre Rechte nicht. Über 80 Jahre alt und allein gelassen. Von der zuständigen Sozialbehörde belogen und betrogen.

Ist sie ein Einzelfall? Nein, es gibt inzwischen Millionen Bürger in der selben Lage. Während wir uns im Internet sinnlos stritten waren sie allein gelassen. Wir hatten und haben vergessen, dass es auch eine Welt hilfloser und wehrloser Bürger jenseits der Tastatur gibt. Ich werde mich der alten Dame nun annehmen und ihr helfen, obwohl sich selbst schwer krank und schwerbehindert bin. Es gibt ja derzeit sonst niemanden. Wir müssen lernen auf die Menschen um uns zu achten. Auch wenn es uns schlecht geht, es gibt Menschen denen es noch schlechter geht. Direkt vor unseren Augen.

3.) Wir haben zugelassen, dass die Medien uns in den Dreck gezogen haben und lassen es auch weiterhin zu. Wie viele Beschwerden beim deutschen Presserat wurden eingereicht? Wie oft die Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung gegen miese Propagandablätter des neoliberalen Wirtschaftsfaschismus angegangen? Wie oft haben sich Tausende versammelt um gegen die Hetze der BILD und die Verblödung durch RTL im Rahmen verlogener Scripted Reality Schwachsinns vorzugehen? Gut, die Antwort kann ich mir sparen.

Es wurde im Internet, in Foren Wut abgelassen und das war es dann auch schon. Die Lügen, die Hetze, nie hatte sie Konsequenzen für das miese Pack, dass die "normale " Bevölkerung gegen uns in Stellung bringen wollte und es nicht selten auch schaffte, wie viele Lesermeinungen zeigen, aber auch Gespräche im täglichen Leben. Wir stehen einer breiten Front von Bürgern gegenüber für die wir Schmarotzer sind und dabei ist es egal ob Erwerbsloser oder Erwerbsminderungsrenter, kranker Behinderter oder alter Mensch. Wir wollen ja nur die "Leistungsträger" ausbeuten und haben nie etwas geleistet bzw. wollen nie etwas leisten. Wo ist unser Ehrgefühl geblieben? Warum lassen wir uns das schon seit Jahren nahezu widerstandslos gefallen?

4.) Wo sind die massenhaften Leserbriefe an die Medien, die Anrufe in den Redaktionen? Wo die gemeinsamen gut ausgearbeiteten Statements? Wo die Broschüren (Verteilung von Jobcentern, Sozialämtern, über Kirchengemeinden etc.) mit Hilfen für Betroffene? Bei Letzteren wird gleich der Ruf erschallen "Können wir uns nicht leisten". Stimmt das? Würde jeder Betroffene jeden Monat 50 Cent opfern, der Druck wäre kein Problem.

Vor einigen Jahren gaben Hans-Jürgen Graf und ich das Magazin " Horch amol" heraus. Wir hatten das Angebot einer größeren Druckerei erhalten es kostenlos zu drucken. Es müßten nur einige Zuarbeiten selbst erledigt werden, Versand und Verteilung. Es scheiterte an der Trägheit der Masse oder anders gesagt, wir bekamen keine Unterstützung. Weder was die Inhalte betraf, noch die Zuarbeiten, Verteilung etc. Nach einigen Ausgaben haben wir dann hingeschmissen. Natürlich bekamen wir viele positive Rückmeldungen, aber zwei schwerbehinderte und kranke Menschen können längerfristig ein solches Magazin nicht realisieren. Die Versprechungen diverser Leute mitzuarbeiten, mitzuschreiben uns zu entlasten warten noch heute auf ihre Einlösung. Sie blieben heiße Luft.

Vor einigen Monaten machte sich der unsägliche Admin des ELO Forums über unser damaliges Projekt lustig. Wo war die aufgeblasene Gruppe um MB, die immer die große Klappe hat, sich als die alleinigen Heilsbringer der Erwerbslosen aufspielen, als es darum ging aktiv zu sein und ein sinnvolles Projekt zu unterstützen? Richtig...man ignorierte es, weil es ja dem eigenen Ego nicht schmeichelt, wenn es keine eigene Idee, kein eigenes Konzept ist. Wie kann man nur erwarten, dass die Interessen aller in den Vordergrund gerückt werden, statt der Selbstbeweihräucherung einiger weniger. Nein, entgegen der Lügen des ELO Forums scheiterte das Projekt nicht mangels Interesse der Leser. Gelesen wurde "Horch amol" gerne und es werden heute noch die alten Ausgaben aus dem Archiv abgerufen. Es scheiterte an der Gesundheit von Herrn Graf und mir und der mangelnden Unterstützung. Ein Einzelfall? Keineswegs, wie z.B. der Aufruf des Elo Forums zeigte eine Spendenaktion für Thomas Kallays Klage auf EU Ebene zu boykottieren. Ich konnte es nicht glauben. Der "Sprecher der Erwerbslosen" versucht den Kampf gegen ALG II für vernünftige Regelsätze bewußt zu stören.

Wo sind die erwerbslosen Grafiker, Setzer, Texter, Autoren, Journalisten? Es ist jede Berufsgruppe von den asozialen Quälereien eines verkommenen wirtschaftshörigen Staates betroffen. Warum werden die Fähigkeiten nicht eingesetzt, um dagegen anzugehen? Wo sind die Marketingfachleute und andere fähige Helfer?

Wir könnten längst ein starkes Gegengewicht gegen die Lügen der "Neuen (a)sozialen Marktwirtschaft" geschaffen haben. "Aber das kostet doch viel Geld". Wirklich? Wir haben in unseren Reihen viele der dafür benötigten Leute ohne, dass wir dafür die Millionen der Lobbys ausgeben müßten. Mit einer Aktion, wie "1 Euro gegen Sozialraub" könnte man viel realisieren. Man stelle sich nur vor 100.000 Betroffene würden jeden Monat einen Euro dafür spenden, es wären 1,2 Millionen Budget im Jahr. Und es müßten nicht einmal jeden Monat die selben 100.000 sein. Ist uns unsere Zukunft das nicht wert? Wir könnten Spitzenanwälte gegen ALG II und andere Grausamkeiten in Stellung bringen.

5.) Man tritt den wenigen noch aktiven Leuten ständig bösartig gegen das Schienbein. So etwas nennt man woanders ein Eigentor.

Ob es Thomas Kallay ist, den man z.B. aus dem ELO Forum verbannte und dort sogar das Schreiben seines Namens per Filter verunmöglichte. Ob es Hans-Jürgen Graf ist, der aus den Reihen Erwerbsloser oft genug beleidigt wurde, weil er unbequeme Wahrheiten schrieb. Weil er es wagte ein Buch herauszubringen (Abstellgleis Hartz IV - von Fachleuten gelobt), das er nicht kostenlos verteilte. Wurde er reich damit? Im Gegenteil, er zahlte sowohl finanziell, als gesundheitlich drauf. Inzwischen ist das Buch nur noch gebraucht erhältlich, obwohl die Inhalte nicht weniger aktuell sind.

Ich selbst wurde ebenso bösartig angegangen. MB und seine Leute haben nur um mich aus dem ELO auszusperren einen IP Bereich dicht gemacht und damit nicht nur mich, sondern alle User deren IP aus diesem Pool kommt gleich mit aus dem ELO verbannt. Ich habe es gewagt seine "Schein"Heiligkeit zu kritisieren und es weder unbegründet noch bösartig, aber dennoch schonungslos. Kritik mag man nicht. Wir kommen aber keinen Zentimeter weiter, wenn wir uns auf Dampfplauderer verlassen und auf Leute die ihr Ego auf Kosten der Betroffenen pflegen. Kritik ist nötig, denn sonst ändert sich nichts. Und es hat keinen Sinn schöne Worte für harte Fakten zu suchen.

6.) Aktive Kämpfer gegen den Unsozialstaat werden von den Jobcentern, Sozialämtern etc. schikaniert um sie kleinzukriegen. Nicht wenige sind am Ende ihrer Kräfte. Nicht selten riefen sie um Hilfe, baten um Unterstützung. Menschen, die nicht nur an sich gedacht haben, sondern sich auf harte Kämpfe zum Wohle aller eingelassen haben. Ein Beispiel ist Frau Hannemann. Brandaktuell. Eigentlich was wir uns schon lange wünschten. Jemand aus dem Kreis der Jobcentermitarbeiter, der nicht einfach nur auf unserer Seite ist, sondern öffentlich in aller Klarheit und Brisanz klar macht, was wir zwar alle schon wußten, uns aber keiner glauben wollte.

In diversen Foren konnte ich Schmähungen ihrer Person lesen, teils übelster Art. Von den Betreibern der Foren unwidersprochen. Sie sei eine Selbstdarstellerin, war noch der harmloseste Vorwurf. Wie dumm müssen Zwangsverarmte eigentlich sein, damit sie so handeln? Hier setzt eine Frau ihren Arbeitsplatz auf's Spiel, wird von Kollegen und Vorgesetzten gemobbt und weicht dennoch nicht vom Kurs ab. Sie sagt klar, dass das SGB II insgesamt verfassungswidrig ist. Sie macht klar, welche mörderischen Folgen die Schikanen der Jobcenter, die Sanktionen haben. Wie Menschen damit vernichtet werden. Ja, es sterben Menschen durch ALG II und nicht einmal die anderen Opfer dieser Sozialverbrechen interessieren sich dafür. Wo sind die massenhaften Menschen auf der Straße, die eine Bestrafung der Mörder fordern? Stattdessen liest man in Foren, dass sich Leute wohl auch ohne ALG II und Schikanen umgebracht hätten. Sie seien halt labil gewesen. Geht es noch? Verteidigen wir wirklich unsere Folterknechte und Mörder?

Ich könnte noch einige Seiten so weiter machen. Aber es regt mich zu sehr auf. Möge der Text einige Leute zum Nachdenken bringen und  auch dazu ihr eigenes Handeln zu überdenken. Verbesserungen sind nur möglich, wenn Betroffene gemeinsam daran arbeiten. Wenn sie ihre Fähigkeiten einbringen. Wenn sie sich gegen Hetze wehren. Wenn sie sich bei Schikanen gegenseitig Kraft geben und aktiv unterstützen. Wenn sie die Quälereien nicht vergessen und dagegen aufstehen und diese immer und immer wieder publik machen. Auf jede erdenkliche Weise und vor allem auch außerhalb der Foren und des Internets. Das Internet ist gut zur Ideensammlung geeignet, gut dazu Leute zu mobilisieren. Der eigentliche Kampf gegen menschenverachtende Ungerechtigkeit wird aber im realen Leben geführt. Nur dort kann er Erfolg haben.

Ich werde mich wohl einmal mehr unbeliebt gemacht haben, aber Wahrheiten müssen einfach weh tun, damit sie beachtet werden.
Tom_
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« Antworten #1 am: Mai 08, 2013, 21:01:36 »

Fehlerkorrigierte Fassung. Wer noch Fehler findet, bitte mitteilen!

Danke! Zur Verwendung freigegeben. Bitte nur um Mitteilung wo der Text ebenfalls publiziert wird.
Fußmatte
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« Antworten #2 am: Mai 08, 2013, 21:38:50 »

Der Widerstand gegen den Unsozialstaat erlahmt

Das klingt nicht provokant, sondern, das ist reine Tatsache!
Tom_
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« Antworten #3 am: Mai 08, 2013, 21:44:13 »

Du kennst doch gewisse Erwerbslosenkreise..da ist das nicht nur provokant sondern fast schon eine Form der Majestätsbeleidigung was ich so tue  sagnix
Adimin
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Man wird älter..... wenn man in den Spiegel guckt


« Antworten #4 am: Mai 11, 2013, 11:33:14 »

Gut, das hier dem nicht so ist.
Hier darf immer gerne geschrieben werden, vor allem Deine Meinung.

Tom_
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« Antworten #5 am: Mai 11, 2013, 17:39:46 »

Es war auch nicht gegen das Forum hier gerichtet, sondern gegen leider nur zu oft anzutreffende Probleme in teils sehr großen Foren. Manchmal frage ich mich ob es hier zu lieb und nett ist, weil die Leute wohl lieber Masochisten sind und sich in gewissen anderen Foren ständig drangsalieren lassen.
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