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Autor Thema: Deutschland im Herbst  (Gelesen 484 mal)
Archetim
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Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen!


« am: September 19, 2010, 22:24:36 »

Deutschland im Herbst

Der "Herbst der Entscheidung" lauert. Ein Herbst, in dem sich entschieden Blätter färben und hinabfallend die Baumkronen entkleiden - ein Herbst, in dem erneut gegen die entschieden wird, die am unteren Ende der Gesellschaft festhängen. Ein deutscher Herbst eben, mit all seiner Ignoranz gegen Unterschichten, mit seinem eisernen Sparwillen, den man dort auslebt, wo es eigentlich kaum noch etwas zu sparen gibt. Deutschland im Herbst: eine Jahreszeit der Entscheidungen; eine Jahreszeit, in der man sich einmal mehr gegen Mittellose entscheidet, ihnen eine entschieden schlechtere Gesundheitsversorgung zuteilt, ihnen entschieden an die Regelsätze geht, sie weiterhin entschieden gängelt und drückt.

Deutschland im Herbst: einst eine filmische Schau nationaler Befindlichkeiten nach dem Terror - beschrieben werden die Folgen des Radikalenerlasses, die Hysterie in der Gesellschaft, die den Konsens zuließ, weitere Kontroll- und Überwachungsmechanismen zu akzeptieren, das konformistische gesamtgesellschaftliche Abnicken ungereimter Entscheidungen - das war 1977/78. Im damaligen Herbst interessierten sich die teils namhaften Filmmacher für die Folgen des Terrorismus' - in diesem Herbst sind es höchstens kleine terroristische Nickligkeiten, die von der Regierung, auf Basis genereller Ablehnung gegen die Habenichtse seitens der sogenannte Mittelschicht, ausgeteilt werden. Doch (klassistische und rassistische) Hysterie, Radikalenhatz in Form verfassungschützender Überwachung einer linkeren Partei, Konformismus: all das existiert auch in diesem Herbst - in diesem Herbst der anstehenden Entscheidungen.

Volker Schlöndorff, der dazumal für sein herbstliches Engagement sehr kritisiert wurde, erklärte, dass er sich nach dieser Arbeit und den Erfahrungen nicht mehr frage, "warum gibt es sogenannte Terroristen, sondern wie kommt es, dass es nicht viel mehr gibt. Wie kommt es, dass nicht alle um sich schlagen." Ja, wie kommt es eigentlich dazu, dass Menschen beim Einreißen von Gebäuden, richtigen Baulichkeiten aus Stein und Stahl, in Scharen auf die Straßen pilgern - beim Zertrümmern anderer Gebäude aber, ideeller oder Wertegebäude, wie das Sozialstaatsgebäude eines ist, aber die Straße meiden? Wie kommt es dazu, dass nicht alle um sich schlagen? Es muß ja nicht gleich Terrorismus sein - der Terror des kleinen Mannes, als der sich die RAF manchmal verstanden wissen wollte, ist ja grandios in die Hose gegangen. Und nicht jedes Mittel heiligte den Zweck. Aber so ein bisschen Ungehorsam und Zivilcourage, nicht nur wenn Steingebäude, sondern auch wenn Gedankengebäude abgetragen werden, der Sozialstaatsgedanke aufweicht - wo findet man die? Wie kommt es, dass nicht alle um sich schlagen? Warum bereiten abgerissene Bahnhöfe schlaflose Nächte, während der mit der Abrissbirne traktierte Sozialstaat, der anhand halbseidener Gesetzgebung auch den Rechtsstaat in Mitleidenschaft zieht, nur wenigen Bauchkrämpfe bereitet?

Im deutschen Herbst des laufenden Jahres zählen andere Werte als "um sich schlagen" - selbst sich als links und solidarisch einstufende Jugendliche verachten den Sozialstaat, der nur Verlierer durchfüttere. Und die Elterngeneration empfindet es ganz ähnlich. Es schlagen die einen nicht um sich, weil sie durch jahrelangen Bezug von Transferleistungen und die einhergehende Häme, die man ihnen medial bereitete, mürbe und ausgetrocknet sind - und die anderen schlagen nicht um sich, weil es sie nichts angeht, weil sie ihre Energie für Bahnhofsabrisse verpulvern. Selbst tendenziell links positionierte Menschen gelangen durch jahrelange Medienberieselung, durch Sarrazinaden und Sloterdijkinen, durch Clementina und Westerwellen, durch wirtschaftliche Aufrechnung und ökonomische Programmatik, zu dem Eindruck, dass es ausreichend linksgedreht sei, für saubere Umwelt und gegen Atomstrom zu sein oder gegen die Halsstarrigkeit einer bahnhofszerdeppernden Obrigkeit zu stiefeln. Aber der Mensch, der hilfebedürftige, verarmte Mensch - für den wird auch im Herbst nicht marschiert! Nach aller Menschenverachtung, die seit Jahren das agenda setting bestimmt, nach aller Herabschau auf die Hungerleider: woher soll so viel Solidarität da auch herkommen wollen?

Im deutschen Herbst der Entscheidungen ist nur entschieden, dass der Sozialabbau, Hand in Hand mit einem salonfähig gewordenen Klassismus, weitergeht - und ganz entschieden entschieden ist, dass eine Hysterie den Diskurs bestimmt: eine Hysterie aufgrund Überfremdung, Sozialschmarotzerei, zu vieler Alter... und entschieden ist, dass demonstriert wird: nur nicht für die Aussortierten, nur nicht für die Leistungsbezieher, für chronisch Kranke oder Rentner - aber für Bauwerke! Der kommende deutsche Herbst: er legitimiert weiteren Terror; er terrorisiert diejenigen, die sich einen schwachen Staat nicht leisten können - es ist Staatsterror im Namen der Mittelschicht zulasten der Armen.

Gefunden in Roberto J. De Lapuentes ad sinistram

Der sozialökonomische Holocaust hat in Deutschland Einzug gehalten. Später will es wieder niemand gewesen sein - Anonym
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