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Autor Thema: DieHängepartie der berufsvorbereitenden Maßnahmen  (Gelesen 580 mal)
Lalelu
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« am: August 14, 2010, 17:36:40 »

Die Hängepartie der „berufsvorbereitenden Maßnahmen“
Die Defizite des deutschen Schulsystems führen dazu, dass inzwischen viele Lehrbetriebe Schulerfolgen misstrauen. Selbst Arbeitsvermittler maßen sich inzwischen an, anerkannte Schulabschlüsse zu ignorieren. Das hat fatale Folgen.

Christine hat es geschafft. Ihre Lehrerin gratuliert zum „Erweiterten Hauptschulabschluss“ und ihrem Erfolg in der praktischen Ausbildung. Christine* (Name von der Redaktion geändert) möchte eine Ausbildung im Gastgewerbe beginnen. Die Berufsschule rechnet dem Mädchen gute Chancen aus, jeden Tag kann man ja im Radio hören oder in der Zeitung lesen, dass jede Menge Lehrstellen frei sind. Dem demographischen Wandel sei Dank!

Doch alles geht schief, die Arbeitsagentur stuft sie kurzerhand wieder als „nicht ausbildungsreif“ ein, der Schulabschluss scheint das Papier nicht wert zu sein, auf dem er steht. Was ihr angeblich fehlt, erfährt Christine nicht. Dafür wird ihr eine weitere vom Arbeitsamt bezahlte „berufsvorbereitende Maßnahme“ angekündigt. Christines Lehrerin ist empört, fragt sich, ob die Arbeitsagentur demnächst die Schulaufsicht übernehmen wird, und beschwert sich. Erfolglos, bis sie sich an die Industrie- und Handelskammer (IHK) wendet. Dort wird das Mädchen nun hoffentlich in eines der Hotels oder Restaurants vermittelt, die händeringend nach Lehrlingen suchen.

Normalerweise geht ein solcher Fall nicht so gut aus, normalerweise werden auf diese Weise „Maßnahme“-Karrieren geschmiedet, die häufig irgendwo im Billiglohnsektor enden oder gleich in Hartz IV. Christines Lehrerin weiß, dass nicht alle Kollegen es so genau nehmen wie sie bei der Vergabe von Schulabschlüssen, und bedauert, dass darüber nicht ehrlicher und öffentlich gestritten wird. Wer es doch tut, gilt als Nestbeschmutzer. Im Gegenzug nehmen es auch Schulbehörden hin, dass man in Deutschland zehn Jahre die Schule besuchen kann, ohne dort hinreichend lesen, schreiben, rechnen zu lernen. Für die Reparatur dieser Defizite gibt es ja Berufsschulen und Vereine. Der fatale Nebeneffekt, dass viele Lehrbetriebe Schulerfolgen inzwischen ziemlich misstrauen, wird hingenommen. Dass aber Arbeitsvermittler nunmehr glauben, sich anmaßen zu dürfen, einen anerkannten Schulabschluss einfach zu ignorieren, verblüfft die Lehrerin dann doch.

Sie ist eine erfahrene Pädagogin, die ihren Beruf auch nach dreißig Dienstjahren noch mag. Nur kommt sie schlecht mit dem Ansehensverlust zurecht. Und sie hat sich nur schwer daran gewöhnen können, dass sie seit Jahren mit jedem Schüler gleich noch einen Verein als Partner für die praktische, die vermeintlich „berufsvorbereitende“ Ausbildung bekommt – für ihre fünfzehn Schüler fünfzehn verschiedene Vereine des sogenannten Übergangssystems. Das sind im Grunde genommen kleine, private Firmen, die davon leben, vom Arbeitsamt vermittelte Jugendliche zu betreuen, die entweder keine Lehrstelle fanden oder als „nicht ausbildungsreif“ gelten. Firmen, deren lukrative Geschäftsgrundlage der Lehrstellenmangel war und die rufschädigende Kampagne gegen Hauptschulen und ihre Absolventen.

Jetzt aber werden in ganz Deutschland noch für 108 500 Lehrstellen geeignete Bewerber gesucht; gleichzeitig suchten Ende Juli noch 153 000 junge Menschen einen Ausbildungsplatz. Zueinander finden diese beiden Seiten nicht unbedingt, und einer der Gründe, warum das so ist, liegt am eigentlich als Provisorium gedachten Übergangssystem, das sich über die Jahre zu einem Moloch aufgebläht hat. Das ist der leichter verständliche Teil eines Problems, das, dringt man tiefer ein, einen bürokratischem Dschungel zeigt, in dem sich sehr viele junge Leute verlaufen.

Auf Statistiken, wonach außerdem noch jeder fünfte Ausbildungsvertrag vorzeitig aufgelöst wird, ist dabei wenig Verlass, denn da zählt man auch jene Spätentwickler mit, die irgendwann einen höheren Abschluss anstreben oder einfach nur den Betrieb gewechselt haben. Aber ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht? Das kann niemand sagen, so wie es auch eine Vermutung bleibt, die Arbeitsagenturen verschliefen die demographische Wende, weil sie sich daran gewöhnt haben, das viele Geld für berufsvorbereitende „Maßnahmen“ – zwischen vier und fünf Milliarden Euro im Jahr lässt sich der Staat inzwischen das teure Übergangssystem kosten – auszugeben, statt echte Lehrstellen zu vermitteln.
Die Lebenszeit junger Menschen wird vergeudet

Immer noch werden mit diesen „Maßnahmen“ etwa 500.000 Jugendliche aufgefangen, wie es euphemistisch heißt; nur wenig mehr schließen einen „echten“ Ausbildungsvertrag ab, mit dem sie dann auch Aussicht auf ein irgendwie normales Berufsleben haben. Seit Jahren warnen Arbeitsmarktforscher vor den Folgen dieser Entwicklung für Arbeitsmarkt und Sozialstruktur. Offenbar nicht deutlich genug, denn geändert hat sich nichts.

Stattdessen hat Deutschlands einst so bewunderte duale Berufsausbildung an Bedeutung verloren. Inzwischen landen vierzig Prozent gleich oder irgendwann nach der Schulzeit im Übergangssystem, diesem sehr weiten unübersichtlichen Feld, von dem nur eines mit Sicherheit zu sagen ist: Es vermittelt keine qualifizierten Berufsabschlüsse. Man lernt dabei ein bisschen schlossern, kellnern, nähen oder sonst was. Die zeitliche Begrenzung auf elf Monate ist nur eine Behauptung, die Wirklichkeit sieht anders aus: In den Berufsbildungsberichten kann man nachlesen, dass sich durch das Aneinanderreihen von „Maßnahmen“, die meist mit an sich wertlosen Zertifikaten enden, gerade für Hauptschüler der Eintritt in ein reguläres Berufsleben um Jahre verschiebt. Wenn sie es denn überhaupt einmal so weit bringen.

Hinzu kommt, dass zu viele Schulabgänger enorme Defizite im Rechnen, Schreiben und Lesen haben. Das ist eine Tatsache, die weder Schulen, die Wirtschaft noch die Forschung bestreiten. Trotzdem gibt es keine verlässliche Definition für das Urteil „nicht ausbildungsreif“. Und es gibt auch keine Anstrengungen, die Schulen zu zwingen, Schüler erst zu entlassen, wenn sie garantiert besser lesen, schreiben und rechnen können als potentiell funktionale Analphabeten. Wer als reif für einen ordentlichen Ausbildungsberuf gilt, liegt im Grunde genommen im Ermessen des jeweiligen Berufsberaters der Arbeitsagentur. Und wenn der eine Vorliebe für „Maßnahmen“ hat, weil das so bequem ist, dann landen sie halt immer wieder in einem solchen Verein oder Bildungswerk. Fazit: Mit viel Geld wird hier nicht nur die Lebenszeit junger Menschen vergeudet, sondern immer wieder auch ein durchaus bekanntes Problem unter den Teppich gekehrt.
Unausgebildet ins Leben

Die große Zahl von unzureichend bis gar nicht ausgebildeten Jugendlichen kann sich das Land, ganz nüchtern betrachtet, nicht leisten. Doch der Fachkräftemangel, der immer spürbarer wird, ist zu einem nicht geringen Teil ein hausgemachtes Problem. Darauf weist das Bundesinstitut für Berufsbildung seit vielen Jahren immer wieder hin. Es kritisiert die Übergangssysteme, die Defizite der Schulabgänger und die unzulänglichen Reaktionen der Wirtschaft auf die Misere.

Mag sein, dass es ohne ausländische Fachkräfte bald nicht mehr gehen wird. Aber es wäre jetzt an der Zeit, da sich Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt eigentlich zugunsten der lange benachteiligten Schulabgänger, die es nicht bis zum Abitur schaffen, ändert, darüber zu streiten, ob man sie weiterhin in so großer Zahl mangelhaft ausgebildet ins Leben entlässt. Es ist eine Binsenweisheit, dass diese organisierte Verantwortungslosigkeit in Zukunft nur die Kosten der staatlichen Wohlfahrt erhöhen wird. Und es kann nicht angehen, dass eine wild wuchernde Sozial- und Weiterbildungsindustrie mit ihren kaum verwertbaren Zertifikaten für „Maßnahmen“ des sogenannten Übergangssystems von dieser aberwitzigen Situation weiter profitiert.

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