Aktive Erwerbslose in Deutschland

Allgemeine Diskussionen => News/Tagespresse/Diskussionen => Thema gestartet von: Rudi Wühlmaus am September 18, 2010, 20:20:40



Titel: Gedanken zu Hartz IV
Beitrag von: Rudi Wühlmaus am September 18, 2010, 20:20:40
Jeder, der Arbeitslosengeld II bezieht, muss eine so genannte “Wiedereingliederungsvereinbarung” unterschreiben, die ihm Pflichten auferlegt. So z.B. etwa, dass er/sie sich um Arbeit zu bemühen hat und je nach individueller Lage fünf bis zehn Bewerbungen um eine Arbeitsstelle im Monat vorlegen muss. Darunter zählen auch so genannte Initiativ-Bewerbungen.

Wir haben rund sieben Millionen Bezieher von ALG II. Sagen wir mal bei sechs Millionen wird diese Eigenbemühung verlangt, was ja auch völlig in Ordnung ist und nehmen wir mal den Durchschnitt von fünf Bewerbungen pro Monat. Macht bei sechs Millionen 30 Millionen Bewerbungen im Monat bzw. eine Million Bewerbungsschreiben pro Tag. Der größte Arbeitgeber in Deutschland ist der Mittelstand (Bäcker, Fleischer, Tischler etc.). Würde sich jetzt nun JEDER Hartz-IV-Empfänger ganz exakt an die in der Wiedereingliederungsvereinbarung festgehaltenen Pflichten halten, kämen jeden Tag eine Million Bewerbungsschreiben zustande. Darunter auch so genannte Initiativ-Bewerbungen, also Bewerbungen bei Arbeitgebern, welche gar keine Stelle frei haben. Man stelle sich jetzt einmal vor, man bekommt als kleiner Mittelständler so am Tag zehn bis 20 dieser Bewerbungen. Jeden Tag. Aus meiner Erfahrung als Selbständiger weiß ich, dass man diese Briefe niemals beantwortet, geschweige öffnet oder zurücksendet. Das Porto für solch ein Schreiben kostet 1,40 Euro. Macht am Tag 14 bis 28 Euro. Bei sechs Tagen in der Woche, in denen Post zugestellt wird, summiert sich das auf 364,00 bis 728,00 Euro im Monat.

Hinzu kommt noch, dass man höflicherweise dies auch noch mit einer freundlichen Absage verbinden muss. Welcher selbständige Bäcker, Fleischer, Tischler usw. hat die Zeit und das Geld so eine Flut an Post im Monat zu beantworten? Es ist billiger und zeit-effizienter, diese Schreiben im Altpapier landen zu lassen, weil eine Beantwortung aller Schreiben schlichtweg unmöglich ist.

Nun ist es aber so, dass ein von Arbeitslosigkeit Betroffener auch unter Beweispflicht steht, dass er sich beworben hat und kann er es nicht beweisen, drohen Sanktionen, d.h. Kürzungen beim Geld. Wie bitte schön aber soll er denn beweisen, dass er sich beworben hat wenn seine Bewerbung ungelesen im Müll landete?

Hinzu kommt noch, dass bei einer Initiativ-Bewerbung ein Mensch sozusagen unaufgefordert angeschrieben wurde. Im Wort Bewerbung steckt das Wort WERBUNG und wie wir alle wissen, nervt es ungemein, jeden Tag mit Werbung überflutet zu werden.

Da man bei einer Bewerbung Werbung in eigener Sache macht - also seine eigene Person BEWIRBT, erfüllt dies die Eigenschaft der Privat-Werbung, welche unaufgefordert in den Briefkästen landet und soviel ich weiß, ist Privat-Werbung verboten. Dasselbe gilt auch für Email und Telefonate. Man bedenke nur die vielen Gerichts-Urteile, die ausgesprochen wurden, um die Menschen vor Werbe-Flut zu schützen. Dies soll jetzt um Himmelswillen kein Angriff auf die vielen Arbeitslosen sein, welche sich täglich um eine Arbeit bemühen. Ich will damit sagen, dass die ARGEn und Jobcenter die Arbeitslosen regelrecht auffordern, gesetzeswidrig zu handeln und wer jemanden zu einer gesetzeswidrigen Handlung auffordert oder ermuntert, macht sich somit auch strafbar.

Diese Eingliederungsvereinbarung, welche Menschen erst ab Hartz IV betrifft, sollte umgehend juristisch überprüft werden.

Es kann nicht sein, dass man von Arbeitslosigkeit betroffene Menschen derartig unter Druck setzt und sie zwingt, sich am Rande der Legalität zu bewegen.

Natürlich muss man sich um Arbeit bemühen, keine Frage. Aber es entbehrt jeder Diskussionsgrundlage, dass dies auf halb legalem Wege geschehen soll. Dieses Hartz-IV-Gesetz hat in weiten Teilen seines fast 6-jährigen Bestehens kriminelle Züge angenommen. Auf Menschen Druck auszuüben, ist ebenfalls strafbar. Das erfüllt den Tatbestand des Mobbing und jeder Mensch reagiert auf Druck anders. Manch einer wird depressiv und im schlimmsten Fall endet Depression im Suizid, sodass man sich die Frage stellen muss: “Will ich am Selbstmord bzw. Tod eines Menschen schuldig sein?” Andere reagieren auf ständigen Druck mit Aggresion  und begehen Verzweiflungstaten, in denen sie Dinge zerstören und auch hier im schlimmsten Fall Menschen verletzen wenn nicht gar töten. Und auch hier stellt sich die Frage: “Will man daran mitschuldig sein?” Wiederum andere wenden sich der Kriminalität zu. Sei es Drogenverkauf, Diebstahl, Zigarettenschmuggel bis hin zum Menschenhandel. Nur um den Slogans zu folgen: “Alles ist besser als Hartz IV.” ; “Man muss ALLES tun, um nicht von Sozialgeldern zu leben.” Was bedeudet denn das Wort “Alles”? Wer definiert es?

Wir müssen uns alle die Frage stellen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der Menschen unter Druck gesetzt sind und ob wir selbst unter Druck gesetzt werden wollen. Doch die Frage, welche an erster Stelle stehen muss: Wollen wir so mit unseren Mitmenschen umgehen?

(K. Fischer ist Mit-Autor auf www.schnakenhascher.de)
Samstag, den 18. September 2010 um 18:08 Uhr von Karl Fischer


Quelle  li (http://www.readers-edition.de/2010/09/18/gedanken-zu-hartz-iv/)