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Autor Thema: Interview mit einem Ex-Arbeitnehmer  (Gelesen 1153 mal)
Adimin
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Man wird älter..... wenn man in den Spiegel guckt


« am: April 20, 2010, 23:11:08 »

Schon älter, aber gut zu lesen. pfeifen rooopfl

(Satire on]
Interview mit einem Ex-Arbeitnehmer       

Von Britta Koth    
Mittwoch, 4. November 2009

Ein Mann B.-freit von Arbeit
„Anonyme Arbeitnehmer“ heißt die Selbsthilfe-Gruppe, die sich seit inzwischen vier Jahren einer Aufgabe verschrieben hat: der Befreiung unglücklicher Erwerbstätiger von der Last sinnloser Arbeit. Zum dritten Mal traf Unser Lübeck Herrn B. (46), einen der Mitbegründer der Initiative. Er berichtet, warum auch in scheinbar guten Zeiten der Hang zu abhängiger Erwerbsarbeit die Quelle des Elends bleibt – und wie konkrete Empfehlungen für ein arbeitsfreies und sinnvolles Leben aussehen können.

Unser Lübeck: Herr B. – wenn man sich die weltweiten Zahlen so ansieht, müssten Sie und Ihre Initiative in letzter Zeit eigentlich einen Erfolg nach dem anderen feiern.

Herr B: Welche Zahlen?

Unser Lübeck: In Deutschland gibt es momentan um die 3,2 Millionen registrierte Arbeitslose…

Herr B.: Was sich für Sie beeindruckend anhört, ist in Wirklichkeit ein Desaster. 5 Millionen Arbeitslose waren für diesen Herbst prognostiziert – wir sind also mit 1,8 Millionen hinter diesem Ziel stark zurück geblieben. Ganz anders dagegen Spanien, Frankreich und die USA, die…

Unser Lübeck: Herr B., lassen Sie uns vielleicht erst einmal in Deutschland bleiben…

Herr B.: Ich bleibe nicht gern in Deutschland. Und ich will Ihnen auch sagen, warum: Wir hatten alle Chancen, durch diese Krise viele Arbeitnehmer zu heilen von der Krankheit „Arbeit“, denn der wirtschaftliche Einbruch war so stark wie in kaum keinem anderen Land…

Unser Lübeck: Trotzdem ist das nur mangelhaft geglückt. Wie konnte es passieren, dass die Arbeitslosigkeit um gerade Mal einen halben Prozentpunkt im Vergleich zum Vorjahr stieg? Warum ist die erhoffte Massenarbeitslosigkeit ausgeblieben?
Herr B: Das eben ist die Frage. Wir tun alles, um Arbeitnehmer aus ihrem Arbeitsprozess zu lösen, wir holen sie dort ab, wo sie stehen…

Unser Lübeck: Zum Beispiel in Fürth.

Herr B.: Zum Beispiel in Fürth. Bei Quelle haben wir – gleich neben dem mobilen Arbeitsamt – einen Pavillon installiert und die Leute mit Musik und einem Blumenstrauß direkt nach ihrer Befreiung empfangen.

Unser Lübeck: Das Arbeitsamt hatte dagegen sogar heißen Kaffee und Psychologen vor Ort.

Herr B: Ein Skandal! Diese Machenschaften von offizieller Seite sind es, die den Leuten suggerieren, sie hätten etwas verloren. Das Drama eines Verlusts wird öffentlich inszeniert, damit die Menschen sich gar nicht bewusst machen, was sie gewonnen haben: Endlich Freiheit! 27 Jahre an einem Packtisch bei Quelle – man braucht einen Psychologen, um das zu packen, aber doch keinen, wenn der Tisch plötzlich nicht mehr da ist.

Unser Lübeck: Herr B., ist das nicht zynisch, was Sie sagen? Diese Menschen finden sich von einer auf die andere Minute auf der Straße, und viele haben gar keine Alternative mehr auf dem Arbeitsmarkt.

Herr B.: Ja, aber es ist ja gerade diese Chance, die sie lernen müssen zu be- und zu ergreifen. Das zu vermitteln ist genau unsere Aufgabe. Wir hatten ein Gespräch mit einem Quelle-Mitarbeiter, der seit 30 Jahren Haushaltswaren versandte. Am Tag seiner Entlassung taumelte er wie ein Betrunkener über das Quelle-Gelände: Dieser Mann war fertig. Aber doch nicht, weil er jetzt das erste Mal seit 30 Jahren die Freiheit geatmet hat, sondern weil er in 30 Jahren am Ende war vor lauter Frühschichten in Fürth. In Fürth!

Unser Lübeck: Was haben Sie diesem Mann konkret empfohlen?

Herr B.: Erst einmal warnen wir vor den Neppern, Schleppern und Arbeitsfängern, die die Verwirrung der Menschen ausnutzen, um sie dann gleich wieder in einen Arbeitskontext zu vermitteln. Das betrifft ja nicht nur die Täter von der Agentur für Arbeit selber – das gilt auch für die Täter im direkten sozialen Umfeld. Es ist der Ehemann, die Ehefrau, der Onkel, die sagen: „Egal, wie Du es anfängst – aber such Dir wieder eine Arbeit!“ Hier setzen wir an.

Unser Lübeck: Und was erklären sie den Leuten, wenn sie fragen: „Wovon soll ich leben?“

Herr B: Wir erklären ihnen, was ihnen eigentlich der gesunde Menschenverstand sagen würde, wenn der nicht durch die lange Zeit der Erwerbsarbeit gelitten hätte: Du lebst in einem Land, in dem Du staatliche Transferleistungen bekommen wirst. Der Schritt dahin ist nicht so schwierig, wie Dir das ständig über alle Medien vermittelt wird, sondern…

Unser Lübeck: Aber Herr B., das ist doch…

Herr B.: Lassen Sie mich ausreden, bitte – es ist doch Propaganda, die jedem Bürger im Land Angst machen soll vor HARTZ IV. Die Menschen haben soviel Angst vor HARTZ IV, dass sie sich lieber umbringen oder bei MacDonalds und im Hähnchen-Eck gleichzeitig arbeiten und danach noch Telefon-Sex anbieten, nur um das angebliche Ende HARTZ IV zu vermeiden. Haben Sie sich mal gefragt, warum das so ist?

Unser Lübeck: Selbstverständlich: Kein Mensch möchte abhängig sein, alles offen legen müssen, arm sein…

Herr B.: Als Arbeitnehmer gilt das für mich doch u. U. auch. Abhängig von Lohn und Gehalt, bin ich Lidl-mäßig dokumentiert von Asthma über Schlafmittelkonsum bis hin zu Zysten und wer eine hohe Nebenkosten-Nachzahlung hat, verreist – wenn überhaupt – im November nach Staffelstein.

Unser Lübeck: Furchtbar, ja. Was also raten Sie z.B. den entlassenen Quelle-Mitarbeitern konkret?

Herr B.: Ihr habt Eure Arbeit verloren – verliert nicht auch noch den Verstand. Lasst Euch nicht einreden, dass Euer Zustand defizitär ist. Sucht nicht gleich wieder die Galeere, nur aus Angst vor der Leere! Tipps für ein gutes, freies und wertvolles Leben mit HARTZ IV haben wir inzwischen in einem Buch gebündelt, das ab Januar 2010 erhältlich ist.

Unser Lübeck: Dessen Titel lautet?

Herr B.: „Endlich B.-freit von Arbeit. Mehr Spaß mit HARTZ IV“

Unser Lübeck: Zum Schluss eine ganz private Frage: Arbeiten Sie eigentlich immer noch?

Herr B.: Nein. Das ist vorbei. Wirklich. Ich habe jetzt zwei Jahre Therapie hinter mir. Die Zeit war schwierig – aber erfolgreich.

Unser Lübeck: Keine Rückfälle?

Herr B.: Es gibt Rückfälle, natürlich. Manchmal stehe ich morgens auf und denke: „Du musst arbeiten – sonst bist Du wertlos.“ Völlig blödsinnig eigentlich, aber diese Gedanken kommen immer wieder und man sollte sie zulassen. Aber man muss auch wissen, wie man sie entkräftet.

Unser Lübeck: Wie entkräftet man sie?

Herr B.: Indem man sich sagt, dass man nicht wertvoller wird, wenn man z.B. morgens um sechs aus dem Haus geht, zwei Stunden im Auto sitzt – davon eine im Stau steht – zwei Stunden in überflüssigen meetings verbringt, zwei Stunden im Internet surft, eine halbe Stunde sinnvolle Tätigkeit verrichtet, in einer schlechten Kantine mangelhaftes Essen verschlingt, sich mit Kollegen austauscht, die man unter normalen Umständen nicht einmal grüßen würde, um dann wieder zwei Stunden nach Hause zu fahren.

Unser Lübeck: …um hier nur vom worst-worst case zu sprechen

Herr B.: Das ist er ja nicht mal. Ich habe hier nur von privilegierter Büroarbeit gesprochen.

Unser Lübeck: Herr B. – wir danken Ihnen für das Gespräch. Und grüßen Sie Ihren Schwager!

Herr B: Der spricht nicht mehr mit mir


Quelle: link

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