Storch HeinarStorch Heinar
Aktive Erwerbslose in Deutschland (AEiD)

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge
Übersicht Aktuelles Hartz IV Infobank Daily News Impressum Mitglieder Registrieren
News:


Seiten: [1]   Nach unten
  Drucken  
Autor Thema: Kinder machen nicht arm, es kommt auf die Sichtweise an  (Gelesen 664 mal)
Rudi Wühlmaus
Maschinist
***
Offline Offline

Beiträge: 5.431


Wissen ist Macht


WWW
« am: Juni 27, 2010, 12:05:00 »

Kinder machen nicht arm

Die Welt der alleinerziehenden Mütter ist zweigeteilt: Die einen leben vom Staat, die anderen meistern ihre Doppelbelastung. Doch nur wer gut ausgebildet ist, schafft es

von Stefan von Borstel und Dorothea Siems

Für die einen sind sie wahre Heldinnen, für die anderen das größte Sozialproblem, das Deutschland hat: die Alleinerziehenden. Glaubt man Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, leisten diese Frauen (selten sind es Männer) mehr als andere Menschen: "Sie geben Tag für Tag ihr Bestes und laufen zu Höchstleistungen auf. In 24-Stunden-Dauereinsatz vollbringen sie wahre Wunder. Sie machen vor, wie Familienleben auch unter schwierigen Bedingungen funktionieren kann", schwärmte die CDU-Politikerin schon als Familienministerin. Der Bremer Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn hält die Ein-Kind-Familie dagegen für ein "in jedem Fall sehr belastetes Modell". Der Staat, so Heinsohns provokante These, fördere mit seiner vielfältigen Hilfe für Alleinerziehende, dass die Zahl der "welfare mothers", der Mütter, die von Fürsorge leben, in den vergangenen Jahren rasant gewachsen sei.

Unterschiedlicher kann das Urteil über eine Bevölkerungsgruppe kaum ausfallen. Und doch stimmen beide Darstellungen. Denn das Deutschland der Alleinerziehenden ist zweigeteilt. Auf der einen Seite leben die Mütter, die gut ausgebildet sind, die einen Beruf haben, der sie und ihre Kinder ernährt, und die ihr mitunter übergroßes Pensum mit viel Organisationstalent erledigen. Auf der anderen Seite stehen die Hartz-IV-Mütter, die überwiegend keinen Berufsabschluss haben, die oft dauerhaft von der Fürsorge leben und die mehrheitlich auch gar keine Anstrengungen mehr unternehmen, einen Job zu finden.

Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass beide Gruppen etwa gleich groß sind. Laut Familienreport 2010 des Bundesfamilienministeriums leben 41 Prozent der 670 000 Alleinerziehenden von staatlichen Transfers; jedes zweite Hartz-IV-Kind - eine Million Jungen und Mädchen - wächst in einer solchen Ein-Eltern-Familie auf. Der Zerfall der traditionellen Familie ist damit das größte Armutsrisiko.

46 Prozent der Single-Mütter gehen dagegen einem Beruf nach, der sie unabhängig vom Staat macht. Häufiger als andere Mütter arbeiten sie trotz der familiären Belastung, die sie allein schultern müssen, sogar Vollzeit.

In der politischen Debatte über Alleinerziehende wird meist ausgeblendet, dass beide Welten nur wenig miteinander gemein haben. Und je nach Blickwinkel werden Klischees bedient. Die einen wollen glauben machen, alle Hartz-IV-Mütter würden arbeiten gehen, wenn nur genügend Kinderbetreuungsplätze zur Verfügung stünden. Dabei gibt es etwa in Berlin, wo die Quote der Alleinerziehenden bundesweit am höchsten ist, längst ein ausreichendes Angebot an Krippen, Kindergärten, Horten und Ganztagsschulen. Die Zahl der Fürsorge-Mütter steigt dennoch weiter. Das Gleiche gilt für Sachsen-Anhalt, wo 60 Prozent der Alleinerziehenden von Hartz IV leben.

Ein anderes Vorurteil besagt, dass Kinder arm machen. Tatsächlich aber würden die meisten Hartz-IV-Mütter wohl auch ohne ihren Nachwuchs am unteren Rand der Gesellschaft leben. Nicht die Kinder machen arm, sondern die schlechte Ausbildung, die alle Chancen am Arbeitsmarkt zerstört.

"Es gibt die alleinerziehende Karrierefrau, die schafft das. Doch die Hälfte der Alleinerziehenden hat schon Schwierigkeiten, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen, und gerade diese Frau hat hierzulande einen starken materiellen Anreiz, Kinder zu bekommen - für die dann der Nachbar zahlt", sagt Heinsohn. Nach seiner Berechnung erhält eine Zwanzigjährige mit zwei Kindern bis zum 50. Lebensjahr 415 000 Euro an staatlicher Unterstützung. Auch wenn die Bundesregierung jetzt das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger streichen will, bleibe Deutschland im internationalen Vergleich ein Staat, der solche prekären Lebensverhältnisse überaus großzügig unterstütze, moniert Heinsohn.

Dies sei ein fataler Fehlanreiz im hiesigen Sozialsystem, denn er fördere, dass gerade diejenigen Frauen mehr Kinder bekämen, die ihrem Nachwuchs keine günstigen Startbedienungen bieten könnten. Tatsächlich haben Ein-Eltern-Familien nicht nur öfter als andere Familien Geldprobleme. Auch Zuwendungsdefizite treten hier vermehrt auf. So beklagen laut aktueller Kinderstudie des Kinderhilfswerks World Vision 40 Prozent der Sechs- und Siebenjährigen, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, dass ihr Elter zu wenig Zeit für sie habe. In Familien, in denen die Mutter Teilzeit arbeitet, sagen das nur 10 Prozent.

Unter psychischen Problemen infolge der Überlastung leiden Single-Mütter ebenfalls häufiger. In einer breit angelegten Untersuchung des Robert Koch Instituts zur Gesundheit Alleinerziehender heißt es, diese Eltern seien eine "stark belastete Gruppe". Die Forscher fanden heraus, dass alleinerziehende Mütter fast doppelt so häufig unter Zukunftsangst litten wie verheiratete Mütter. Außerdem fühlen sich doppelt so viele überlastet und überflüssig. Dreimal so häufig wie Verheiratete werden sie von dem Gefühl der Erfolglosigkeit geplagt. Psychische Krankheiten kommen zweieinhalb Mal so häufig vor, Familienkonflikte gar fast fünfmal so oft wie in klassischen Familien. Diese Zahlen machen deutlich, dass es starker Frauen bedarf, damit das Modell der Ein-Eltern-Familie gelingt. Und: Je weniger Kinder im Haushalt leben und je älter diese sind, desto größer sind die Chancen der Alleinerziehenden auf ein gutes Familienleben.

Die Politik hat die Förderung der Alleinerziehenden auf die Tagesordnung gesetzt. Arbeitsministerin von der Leyen setzt dabei auf eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt, die vor allem durch flächendeckende Betreuungsangebote für die Kinder erreicht werden soll.

Auch die Opposition will Alleinerziehenden mehr Rückendeckung geben. "Wir brauchen konkrete Verbesserungen", sagt SPD-Vizechefin Manuela Schwesig. Es reiche nicht, wenn von der Leyen die Jobcenter auffordere, mehr für Alleinerziehende zu tun. "Die Alleinerziehenden sollten einen Rechtsanspruch auf einen Ganztags-Betreuungsplatz für ihre Kinder haben", fordert die Sozialdemokratin. Nötig seien zudem Kitas mit flexiblen Öffnungszeiten, "bis hin zur 24-Stunden-Kita für Eltern, die Nachtdienste leisten". Auch die Jobcenter müssten verändert werden, fordert Schwesig: "Wir benötigen in der Arbeitsvermittlung feste Ansprechpersonen, die sich auf Alleinerziehende und ihre besonderen Problemlagen spezialisieren, die sich in diese Mütter und Väter hineinversetzen können." Nötig sei eine ganzheitliche Betreuung, die Ausbildungsangebote ebenso wie die Suche nach einem Kitaplatz oder bei Bedarf auch Sozialberatung umfassen sollte, sagte die SPD-Vize.

Ob allein ein Rundum-Beratungspaket ausreicht, Alleinerziehende wieder in Lohn und Brot zu bringen, ist jedoch fraglich. Schließlich haben Alleinerziehende ohne Job genau dieselben Probleme wie andere Langzeitarbeitslose auch: Die Hälfte hat nie einen Beruf gelernt, für sie kommen nur einfache, schlecht bezahlte Tätigkeiten infrage. Oft lohnt sich Vollarbeiten für gering qualifizierte Mütter nicht, weil sie sich damit finanziell nicht besserstellen. Sie bleiben lieber im Transferbezug und verdienen sich allenfalls ein Taschengeld dazu. "Sobald eine Alleinerziehende wieder arbeiten geht, fallen Zuschläge und auch viele anderen Vergünstigungen weg", sagte Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. So zahlen Fürsorgeempfänger nichts für den Kitaplatz, haben Anspruch auf ein Sozialticket, bekommen einen Sozialtarif bei der Telekom und sparen die Rundfunk- und Fernsehgebühren. Als Verkäuferin oder Friseurin hat man solche Vorteile nicht. "Da werden sich einige fragen: Jetzt arbeite ich von morgens bis abends und habe unter dem Strich auch nicht viel mehr als vorher."


Quelle

 if (isset($_BRAIN['müde'])){ sleep(); } else { work(); } 
Nach über 10 Jahren Computertechnik müßten die Tastaturhersteller eigentlich gelernt haben, daß Tastaturen unten Abflußlöcher für den Kaffee brauchen.
Windoof nur beim Kunden; Ansonsten LINUX
Seiten: [1]   Nach oben
  Drucken  
 
Gehe zu:  

Powered by MySQL Powered by PHP Powered by SMF 1.1.11 | SMF © 2006-2009, Simple Machines LLC Prüfe XHTML 1.0 Prüfe CSS
Seite erstellt in 0.098 Sekunden mit 22 Zugriffen. (Pretty URLs adds 0.006s, 2q)
© Design 2010 - 2020 by Rudi Wühlmaus